Der wilde Balkan 2018
Einmal Randgebiet der Zivilisation und zurück oder wie der Balkan die Sinne beraubt

Reisebericht von Alexander Mey (Woods-Dog)

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Anfang September 2017

Ich bin auf dem Weg zum Flughafen um meine Frau von ihrer Reise mit Gerd Schuster abzuholen. Es ist schon spät, da die Rückkehr aus dem Balkan doch so seine Tücken hatte. Die Straßen sind kaum befahren und eine schwüle Spätsommerbrise zischt durch das Fenster.

Nina war eine knappe Woche mit Gerd unterwegs und ich habe während ihrer Abwesenheit mit unserem Team  unsere Hundetagesstätte, die unweit von Düsseldorf und Essen liegt, weitergeleitet. Ich hatte somit kaum Zeit, mir Gedanken zu machen mit wem und wo genau meine Frau überhaupt die Zeit verbringt. Am Flughafen angekommen nutze ich die Wartezeit dazu, mich erstmalig mit dem Thema „Gerd Schuster“ und dem Hundezentrum Mittelfranken auseinanderzusetzen. Ein Kloß im Hals und ich bin froh, dass ich mich nicht viel früher drüber informiert habe. Ein zotteliger bärtiger, kaum sichtbar sportlicher „fast“ junger Mann, der ein Fable für Hunde hat und öfter durch die ganze Weltgeschichte reist. Ein Abenteurer mit 4 Frauen unterwegs....

Nina kommt aus dem Terminal und ich sehe ihr Strahlen, obwohl sehr müde sieht sie unglaublich glücklich aus … jetzt wusste ich, dass diese Reise für sie ein unvergessliches Abenteuer war. Schon während der Heimfahrt berichtete sie trotz Müdigkeit von ihren Eindrücken, ihren Erlebnissen und Abenteuern... Mit jedem Satz spüre ich das Land, die Emotionen, die Ereignisse immer tiefer, sie erzählt die Geschichten als wäre sie immer noch vor Ort und zieht mich in ihren Bann.

Das ist der Beginn der Erfahrungen mit Gerd und dem großen Wusch, den „wilden Balkan“ irgendwann einmal selbst zu erleben...  

 

 

Januar 2018

Ich schließe mich der Euphorie „Gerd Schuster“ an, schaue seine Berichte und Videos und verfolge jede seine Taten, auch wenn diese manchmal von Neid, Unwissenheit und Konkurrenzdenken anderer gezeichnet sind. Je mehr ich mich mit ihm auseinander setzte,  desto sympathischer wird er für mich. Seine Live Videos imponieren mir am meisten. Nicht nur die Themen, die er aufgreift sind für mich Themen, die besprochen werden müssen. Auch seine Art und Weise, wie er mit der Welt da draußen kommuniziert ist so authentisch, so emotional, so ehrlich... ich musste ihn live kennenlernen und ich kann es kaum erwarten, endlich den nächsten Termin für seine „wilde Balkan Tour 2018“ ausgeschrieben zu bekommen.

Doch schon vorher hatte ich das große Glück, ihn in einer anderen Art und Weise kennen zu lernen... Nämlich in seinem „lebenslang Aggressiv“ Workshop. Das Eis ist gebrochen, die Anmeldung  verschickt und die Vorfreude explodiert...

 

Juli 2018

Es ist so weit, nur noch 3 Tage und es geht auf die große Reise! Bis dato sind noch so viele Fragen offen, wie z.B. wer sind die anderen Leute, wo übernachten wir und  wo geht es überhaupt lang...?!

Eigentlich ist das nicht wichtig, ich kann es eh nicht mehr beeinflussen. Zwei Tage vor Abreise passiert aber noch das, womit keiner gerechnet hat... Koffer ist gepackt, Kamera, Powerbank und Handy geladen und dann.... funktioniert mein Handy nicht mehr! Kein Reset möglich, kein Herunterfahren, es ist kaputt. Die Kommunikation wäre für 10 Tage abgebrochen, kein Kontakt nach Hause, das geht nicht, es muss noch schnell eine Alternative her. Also schnell noch ein neues Handy gekauft.  Aber nicht nur das, auch unser Auto explodiert wortwörtlich direkt vor unserer Haustür - Motorschaden... Somit habe ich 2 Tage vor Reisebeginn keinen Plan, wie ich die knapp 500 km nach Bayern überwinden soll. Zum Glück besucht uns ein lieber Freund aus Ulm genau an diesem Wochenende vor der Abreise und er ist so lieb und bringt mich nach Bayern... Es geht endlich los!

  

Dienstag den 03.07.2018 

Wie bereits beim Workshop nehme ich mir ein Zimmer unweit des Hundezentrums, von dem wir dann auch losfahren werden. Am Abend vor der Abreise bringe ich Gerd noch meine größeren Taschen und ich bereue bereits, so viel unnützes Zeug mitgenommen zu haben. Ich wollte halt auf Nummer sicher gehen. Die Nacht von Montag auf Dienstag kann ich kaum schlafen vor Aufregung, der Wecker klingelt um 4 Uhr morgens. Erstaunlicher Weise bin ich fit wie ein Turnschuh, ich springe unter die Dusche, frühstücke ausgiebig und teile der Welt da draußen mit, dass um kurz vor 5 mein ganz persönliches Abenteuer mit drei total fremden Menschen beginnt.

Zehn Minuten Fußweg liegen zwischen meinem Zimmer und dem Hundezentrum und auf den letzten Metern überholt mich ein Auto aus Wolfsburg. Vielleicht ein Mitfahrer? Ja, in der Tat,  Jana wird von ihren Eltern gebracht und so lerne ich sie als erstes kennen. Deniz kommt wenige Minuten später und pünktlich um 5:05h sitzen wir alle im Bus und fahren ins Ungewisse.  

Nina hatte mich bereits vorgewarnt und auch im Workshop durfte ich mich davon überzeugen lassen. Es gibt zwei Lieblingswörter von Gerd, die es in sich haben. Das eine ist „These“ - dies benutzt er gern, wenn er von seinen Erfahrungen über Hunde spricht und seine eigene Meinung darüber preis gibt. Das andere Wort ist „Planänderung“! Dieses Wort werden wir während der Reise, jetzt haltet euch fest, ganze 24 Mal zu hören bekommen. 

 „Planänderung“ ist nicht einfach nur ein Wort, sondern stellt die eigentliche Planung ganz gewaltig auf dem Kopf. Die ersten Planänderungen sind noch komisch, aber nach kurzer Zeit gewöhnt man sich daran, denn schließlich kann und soll das Leben nicht präzise geplant werden und man sollte immer Puffer für eine Änderung haben. 

Das erste Mal auf dieser Reise werden wir noch vor dem Betreten des Autos mit dem Wort „Planänderung“ konfrontiert – diese „kleine“ Planänerung bringt uns gleich am Anfang der Reise einen zusätzlichen Weg von knapp 400 km. Natürlich  fragt uns Gerd lieb, ob wir einen „kleinen“ Schlenker über Österreich machen können, denn dort würde ein Hund auf uns warten, dessen Geschichte durch Gerds Begutachtung vielleicht neu geschrieben würde... Gesagt getan, es geht auf die erste Etappe Deutschland – Österreich, dem Sonnenaufgang entgegen. 


1. Etappe Deutschland – Österreich 

 

Ich habe lange überlegt, wie ich meinen ersten Reisebericht über ein sehr heikles Thema schreibe. Wie bringe ich den Leser dazu, zu verstehen wohin mich diese Reise gebracht hat. Daher habe ich mir überlegt, bei jeder Etappe auch zusätzliche Informationen über das Land, der Kultur, die Menschen und deren Mentalität einzufügen.

Worum geht es in dieser Reise mit der Überschrift „Der wilde Balkan“? 

Der Balkan (bulgarisch für Gebirge) ist ursprünglich ein Gebirge in Bulgarien, sein höchster Berg „Botew“ gehört mit seinen knapp 2500 Meter zu den größten Erhebungen des Balkangebirges. Im Laufe der Zeit wurden aber noch andere Gebiete im Südosten Europas zum Balkan hinzugezählt; neben Bulgarien sind das Griechenland, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Albanien, Mazedonien, Montenegro und der Kosovo, Rumänien, Slowenien und der europäische Teil der Türkei. Unsere Reise bewegt sich hauptsächlich im ungarischen, rumänischen und bulgarischen Teil.

 

„Der wilde Balkan“ wird eine ganz besondere Reise. Wir werden nicht nur die Kultur und Mentalität der Menschen kennenlernen und erleben, sondern uns insbesondere mit dem Thema „Straßenhunde und deren Miteinander mit den  Einwohnern“ beschäftigen. Wir werden uns in den Tiefen der Länder begeben und den Geschichten auf den Grund gehen, die seit vielen Jahren immer wieder in den Medien verbreitet werden. Wir werden uns selbst davon überzeugen, wie Tier und Mensch hier zusammen leben.

 

Österreich: 

ca. 8,8 Millionen Einwohner

105 Einwohner / km² 

semipräsidentielle repräsentative Demokratie 

Fläche ca 84.000 km² 

Mentalität: herzlich aber reserviert, indirekt (reden gern „drum herum“), hoher familiärer Stellenwert, 

Kultur: Im Jahr 996 unter dem Namen „Ostarrichi“ erstmals erwähnt, gehörte das Land zunächst als Markgrafschaft zum Herzogtum Bayern und war von 1156 bis 1453 als Herzogtum und von 1453 bis 1806 als Erzherzogtum eigenständiger Bestandteil des Heiligen Römischen Reiches. Österreich ist für seine berühmten Musiker und Komponisten weltweit bekannt, demnach findet man auch heute noch einen sehr musikalischen Hintergrund in der österreichischen Kultur. 

 

Nun weiter der Reise mit einem Kleinbus und drei total fremden Menschen... 

Unser Weg führt durch Bayern über Augsburg und München. Wir überqueren die Deutsch-Österreichische Grenze, fahren über die Inn am Wörthersee vorbei und kommen nach ca. 6 Stunden zu unserem ersten Etappenziel. Die Reise durch Österreich ist wenig spektakulär, darum werde ich hier nicht so sehr ins Detail gehen. Hier begegnet uns die erste Planänderung in Natura, in einem Tierheim wird Gerd ein Hund begutachten und wir schauen ihm hierbei neugierig über die Schulter. Bitte verzeiht, dass ich auf Grund des Datenschutzes keine weiteren Details erläutere. Bei guten Freunden von Gerd – er scheint im Übrigen überall so seine Freunde zu haben, auf der ganzen Fahrt haben wir immer wieder spontan welche kennengelernt -  machen wir eine etwas größere Pause und versuchen vor der Weiterfahrt noch etwas zu schlafen. Deniz und Jana schlafen im Bus, Gerd im Haus und ich suche mir ein Plätzchen draußen im Garten auf der Gartenliege. Leider ist dieser Ort, wie ich feststellen muss, eher ungeeignet, denn ein starkes Gewitter zieht auf und ich kann mich gerade noch rechtzeitig im Aufenthaltsraum retten. Mein Schlaf wird hier zum ersten Mal etwas aufgeschoben. Ich döse etwas vor mich hin bis die anderen so langsam wach werden. Ausgeruht und voller Energie zieht es uns am späten Abend weiter in Richtung Ungarische Grenze. 


 2. Etappe Österreich – Ungarn                                                                                

Ungarn:

ca. 10 Millionen Einwohner

106 Einwohner / km²

parlamentarisches System

Fläche ca. 83.000 km²

Mentalität: Wenn man den Sagen Glauben schenken möchte, dann befindet sich die Mentalität der Ungarn in ihren Stammesväter Hunor und Magor (Umgangsprachlich auch Humor und Magyar) Somit ist eigentlich schon alles gesagt, der ungarischer Humor.... der sehr dem englischen ähnelt...zwar nicht sarkastisch, sondern eher ernst.... Ungarn sind sehr lustige Menschen, die mit ihrem für uns gewöhnungsbedürftigen, fast kalten Humor die schmalen und dunkeln Wege ihres Alltags überschatten. 

Kultur: Ungarn ist ein Land mit vielfältigen Traditionen und Kulturen, so werden viele Feiertage, z.B. der ungarische Nationalfeiertag oder die Feier der Staatsgründung sowie der Jahrestag vom Volksaufstand der Republik Ungarn mit Umzügen und anderen Volksfesten gefeiert. Hier in Ungarn sind das traditioneller Handwerk, wie das der Kesselflicker und alte landwirtschaftliche Berufe, wie z.B. Hirte, gängige Berufe und werden seit vielen hundert Jahren auf traditionelle Art und Weise ausgeübt.

 

Alleine die Tatsache, dass diese Fahrt um Mitternacht begonnen hat, ist eine Erzählung wert. Wir packen unsere Sachen, präzise nach Gerds Anordnung; immer praktisch und gleich. Das hat einen einfachen und sinnvollen Hintergrund: sollte in der Nacht etwas passieren, oder wir an der Grenze überprüft werden oder anderweitig dazu gezwungen werden unser Gepäck zu öffnen, können wir mit dieser Methode schnell und unkompliziert an die richtige Stelle fassen und verlieren hierbei nicht so viel Zeit.  Ach ja die Zeit… nach der kleinen Pause in Österreich sind wir nun bereits siebzehn Stunden unterwegs. Siebzehn Stunden lang mit drei mittlerweile nicht mehr ganz so fremden Menschen, reisend ins Abenteuer durch den Balkan....Wenn ich mich selbst so lese, hört sich diese ganze Geschichte echt verrückt an und das war es ja auch, eine total verrückte Reise mit allem was dazu gehört. 

 

Die Nacht war klar, lau warm und noch sehr lang, für das nächste Ziel haben wir ca. drei Stunden angelegt um dann direkt hinter der Grenze einen Rastplatz für eine längere Pause einzulegen. Doch noch waren wir nicht dort, noch erwartete uns drei Stunden lang abenteuerliche Geschichten von Gerd und seinen Reisen durch den Balkan, lustige Geschichten der Mitreisenden und...Abenteuer live. Wir nähern uns der Grenze Österreich – Ungarn und der erste richtige Grenzübergang steht bevor. Nichts gegen die Grenze „Deutschland – Österreich“ aber „Österreich – Ungarn“ war schon rein optisch ein Hingucker. Kurz vor drei Uhr erreichen wir die Grenze, wo uns lange Verkehrsschlangen mit geladenen LKW´s und vielen ausländischen PKW´s den Weg zur Überprüfung zeigen. Die Grenzkontrolle ist militärisch stark bewacht, überall Videokameras, Militär und Grenzfahrzeuge, kriegsähnlich waffentechnisch bestücktes Personal. Alles hell erleuchtet um kein unerwünschtes Durchkommen zu gewähren. Wir Männer sind alle Vollbart-Träger und sind mit einer jungen blonden Frau unterwegs - allein diese Kombination sieht sehr verdächtig aus. So kommt es, wie es kommen muss... meine der Mitreisenden dürfen sich einer genaueren Überprüfung und Hinterfragung unterziehen.... Gerd gibt uns den hilfreichen Hinweis, nicht Lachen, nicht Atmen, nicht Starren. Ob dies nun der Grund ist, warum wir es dennoch recht zügig über die Grenze schaffen, kann ich nicht beurteilen, aber wir sind drüben. Wir haben Ungarn erreicht. Das Land des Magyar Vizsla (was übrigens grob übersetzt nichts anderes bedeutet als ungarischer Hühnerhund), dem Tokajer (der berühmte ungarische Wein) und der traditionellen Csárdás (der ungarische Volkstanz).

 

Hier beginnt nun die eigentliche Reise, hier beginnt nun die Recherche über das wahre Leben der Straßenhunde, die vielen Geschichten, die über das Land und die Caniden erzählt wird. Hier starten wir nun, um uns selbst davon zu überzeugen, wie viel Wahrheit in den ganzen Geschichten die überall erzählt werden wirklich ist.  Und nicht nur uns sondern auch euch alle da draußen, die durch die vielen grausamen Berichte in den Medien erschlagen werden. Aber – ist es wirklich so schlimm, wie es meist dargestellt wird? 

Wir sind live vor Ort und sehen nun hinter den Kulissen.

 

„Gejagt, gequält, abgeschlachtet...“

 

so heißt eine Überschrift einer bekannten deutschen Zeitschrift, sie berichtet von den Zuständen der Hunde in Ungarn, Bulgarien und der Ukraine.... 

Laut den vielen Berichten von einigen Tierschutzorganisationen, über News bei Facebook und anderer Medien soll bereits an den Grenzübergängen das Tierleid enorme Ausmaße annehmen. Ich bin sehr gespannt, was wir zu sehen bekommen werden.

 

Für unsere erste Übernachtung, eigentlich nur einen kurzen Schlaf im Bus, halten wir auf einem beleuchteten Parkplatz ca. 10 km nach der Grenze. Für diese Uhrzeit ist allerdings recht viel los auf den Straßen, die erst Parkplätze müssen wir abwinken, da sich dort Menschenmassen und durchfahrende Autos sammeln. Das bringt uns dazu, noch mehr die Augen offen zu halten, vielleicht finden wir hier schon die ersten Hunde - leider ohne Erfolg. Bis zum Augenschließen in der Nacht bekommen wir keinen einzigen freilaufenden Hund zu sehen. Vielleicht haben wir morgen etwas mehr Glück, denn morgen sehen wir Ungarn in seiner vollen Breite, in Farbe und in seiner vollen Pracht.


3. Etappe: Quer durch Ungarn 

 

Es wird hell, die Sonne steht gegen 6:30 Uhr schon sehr hoch. Eine wohltuende und energetische Wärme macht uns wach. Nach einer kurzen Orientierung stellen wir fest, dass der Ort Szombathley in Ungarn nicht weit von unserem nächtlichen Lager entfernt liegt. 

Die Industrie- und Gewerbestadt ist einer der Hauptverkehrsknotenpunkte, zwischen Österreich und Ungarn. Die 2016 fertig gestellte Steinamangerer Schnellstraße ist eine in Nord-Süd Richtung verlaufende Schnellstraße in Ungarn und Teil der Europastraße 65 (Schweden – Griechenland). Dieser Teil der Schnellstraße bekam vor einiger Zeit eine etwas andere Bedeutung, denn diese Autobahn wurde von vielen Flüchtlingen genutzt, um auf direktem Weg von ihrem gefürchteten Heimatland nach Österreich und Deutschland zu kommen.  

An der Raststätte können wir unseren ersten morgendlichen, wach machenden Kaffee ergattern, uns im Bad etwas frisch machen und dann weiter ziehen. Unser Weg läuft entlang der M68 Richtung Györ weiter über die M1 über Tatabanya und an Budapest vorbei. Über die M5 Richtung Kecskemet und an Kiskunfélegyháza vorbei bis hin zu Csengele. Die Strecke umfasst knapp 350 km, Fernstraßen, Landstraßen hier und da ein paar Dorfstraßen. 

Es ziehen lange Felder, Wiesen und kleine Wälder an uns vorbei, doch was wir auf der ganzen Fahrt durch Ungarn vermissen sind Hunde, nicht ein einzigen freilaufenden Hund bekamen wir zu Gesicht. Dabei müssen sie doch. Wenn man den vielen Berichten glaubt überall sein!  Einige Rehe, die vereinzelt am Waldrand stehen, ein paar Katzen, doch Hunde sieht man gar nicht. Keine Misshandlung, kein barbarisches Handeln gegenüber den Tieren... Fahren wir am Geschehen blind vorbei? 

 

 

Nach vier Stunden fahrt, 350 km quer durch Ungarn und mit dem Blick auf viele mögliche Verstecke können wir hier keine Hunde entdecken die extreme Not leiden. Laut den Berichten sollte es hier Massen an Tötungen auf den Straßen geben, Mengen von Misshandlungen und überall Kadaver von überfahrenen Hunden. Nichts von alldem können wir hier auf dieser Strecke finden. Auch die restliche Fahrt bis zur Ungarisch-Rumänischen Grenze bleibt uns dieser Anblick erspart.


 4. Etappe: Rumänien  

 

Rumänien:

ca. 20 Millionen Einwohner

85 Einwohner / km²

Semipräsidentielles System 

Fläche ca. 240.000 km²

Mentalität: Die ursprüngliche Mentalität der Rumänen ist schwer zu durchschauen und als Einheit einzusehen, das Volk im Volk... bereits seit dem romanischem Reich durchqueren viele Völker Rumänien und blieben teils auch ansässig, alle mit ihrer eigenen Mentalität und Kulturen.

Kultur: Die Geschichten von "Vlad III. Drăculea" sind weltweit bekannt, wie auch der Ursprung des romanischen Reiches (Rumänien = Romania), das Einzugsgebiet vieler Flüchtlinge und Immigranten. Rumänien ist reich an natürlichen Rohstoffen wie Erdöl, Eisen, Gold, Blei, Kupfer, Kohle, doch trotz dieser Reichtümer ist Rumänien ein sehr armes Land. Was den vielen Traditionen aber keinen Abbruch tut. Sie schließt Holzschnitzereien, Keramiken, Webkunst, traditionelle Kleidung, Tänze und einen sehr reichhaltigen Schatz an Volksliedern ein.

 

„EU zahlt Kopfgeld für rumänische Straßenhunde“

„Massentötungen in Rumäniens Hauptstadt“ 

„tausende unterernährte, misshandelte Hunde in Rumäniens Straßen“

 

Die Nachrichten reißen nicht ab, man braucht nur beim bekannten Suchanbieter die Wörter „Rumänien“ und „Straßenhunde“ eingeben, schon wird man von Horrornachrichten erschlagen.

 

Wir sind in Rumänien angekommen und gehen diesen Nachrichten auf den Grund. 

Im Vergleich zu Ungarn bemerken wir, dass Rumänien an vielen Ecken sehr schmutzig ist, der Müll liegt am Straßenrand, die Mülleimer quellen oft über und auch an den Raststätten kommt man mit der Müllentsorgung kaum hinterher. Beginnt hier nun das Leid der Hunde? Gerd lenkt einige Kilometer nach dem Grenzübergang  das Auto auf einen Rastplatz. Der Parkplatz ist mit einer kleinen Raststätte bestückt, einige LKW und PKW stehen in den Parkbuchten. Plötzlich kommen uns zwei Vierbeiner entgegen, beobachten kurz unser Vorhaben und fangen an uns zu beschnuppern, immer im sicherem Abstand. Die beiden scheinen eine Art Sozialverbund geschlossen zu haben, man kann recht gut beobachten, dass einer der Beiden sich sehr am anderen orientiert – vielleicht Mutter und Sohn? Gerd und ich sitzen im Abstand von ca. 50 Metern auf dem Bordstein und die beiden kommen immer näher. Beschnuppern uns ausgiebig. Der Rüde, schwarz, etwa 55 cm hoch, gut genährt und sportliche Figur. Das Alter ist schwer zu schätzen aber ich denke so um die 4-6 Jahre. Die Hündin hat helles Fell und ist ebenfalls sehr gut genährt, kein verfilztes Fell, die Augen strahlen hell.

 

Wir beobachten, dass auch andere Reisende ankommen und den Hunden von ihrem Picknick etwas abgeben, doch die freilaufenden Vierbeiner ignorieren diese freundliche Geste meist. Nach einiger Zeit kommen auch Reisende mit Haushund an der Leine, einen kleinen malteserähnlichen Hund. In solchen Situationen beobachte ich immer sehr gerne die Körpersprache der Hunde. Die Haushunde zeigen meist sehr unkontrollierte, unruhige und übertriebene Signale während die Straßenhunde sehr ruhig mit ihrer Aussage sind, sehr fein und klar und für das jeweilige Gegenüber präsenter und verständlicher.

Hier ist kein Leid zu sehen, keine Qual gegenüber den Hunden, kein trauriges Bild und so machen wir uns weiter auf unserem Weg.

 Nach kurzer Zeit werden wir wieder fündig. Immer wieder kommen streunende oder freilebende Hunde aus den Gassen, oder sie liegen am Straßenrand, auf Parkplätzen und vor Hofeingängen. Große und kleine Hunde machen entweder ein Nickerchen oder laufen umher, um ihre Gegend auszukundschaften. Wir sehen einige Hunde, die auf drei Beinen laufen, Hunde die im Müll nach Fressen suchen, Hunde die hinter Autos her laufen, Hunde die sicherlich mal einen ärztlichen Check benötigen und eine Parasiten Behandlung benötigen, doch keiner dieser Hunde sieht so aus, als ob er gequält und misshandelt wird, ausgehungert ist oder sein Leben bangen muss. Sie sehen alle sehr gut ernährt aus (manche sogar zu gut), haben Sozialpartner, haben ihre Aufgabe...Für die Hunde scheint es hier ein Paradies zu sein - freilebend und arttypisch aufgabenorientiert. 

 

Wir fahren weiter, irgendwo muss doch das Leid auf den Straßen Rumäniens zu sehen sein! irgendwo bangt sicher ein Hund um sein Leben!

Bei angenehmen 33°C fahren wir weiter Richtung Hermannstadt/ Sibiu immer weiter den Karpaten entgegen. Von weitem sieht man schon vereinzelt Gebirgsketten der rumänischen West – Karpaten. Hier in Rumänien gibt es eine Mischung aus weiten, nahezu unüberschaubaren Feldern aus Mais, Sonnenblumen, verschiedenen Kornarten und Raps und um den Kontrast malerisch zu vollenden liegen am Horizont die Gebirgsketten des Hochgebirges. Dieser Anblick erfüllt mich mit Ruhe, Geborgenheit, Zufriedenheit, weit ab von jeglichem Großstadtlärm und Eile... Im Auto wird es ruhiger, alle Mitreisenden atmen tief ein und genießen diese unvergessliche Aussicht. Gerd legt noch einen drauf und lässt traditionelle Balkanmusik aus dem Radio erklingen, in diesem Moment vergessen wir alle für kurze Zeit unsere Heimat.

  

 

Es ist warm, sehr warm und es wird noch stetig wärmer. Wir sehen auf der weiteren Strecke kaum Menschen, geschweige denn Hunde, bei dieser Wärme liegen sie an irgendeinem Schattenplätzchen und ruhen sich aus. Hier im Balkan gibt es über das Jahr sehr außergewöhnliche Temperaturschwankungen – im Sommer sehr heiß und im Winter weit unter Null.  In vielen Berichten liest man, dass hier die Hund im Winter frieren, auch das ist ein Grund, warum mehr Hunde aus dem östlichen Ausland in den Wintermonaten nach Deutschland kommen. Viele vergessen aber, dass der Sommer oft Temperaturen zwischen 30-40°C hat. Für die Hunde eine enorme Belastung für den Kreislauf und das Immunsystem, doch wie fast jedes Individuum kann sich auch der Hund an extremes Klima gewöhnen. So fahren sich die Hunde in den Sommermonaten quasi auf „Sparprogramm“runter und in den Wintermonaten kann man viel mehr Bewegung der Hunde beobachten. Schwierig sind diese extremen Temperaturen nur für Hunde, die keine oder wenig Möglichkeit haben, sich zu bewegen oder im Sommer Schatten aufzusuchen. Hier in Rumänien finden wir immer wieder große durchtrennte Wasserkanister am Straßenrand, an Bäumen, im Park, vor Geschäften, an Tankstellen, vor Restaurants.... nach beobachten der Tiere und auch der Einwohner, haben wir das Rätsel um die Kanister herausgefunden, es sind Trinkstationen für Hund und Katz, aufgestellt von einigen Einwohnern. Ist das die Quälerei und die Sorglosigkeit der Rumänen? 

 


 5. Etappe Bulgarien

 

Bulgarien: 22-1h (ca30h)

ca. 7 Millionen Einwohner

64 Einwohner / km²

parlamentarische Demokratie

111.000 km²

Mentalität: Eines der interessantesten Merkmale der bulgarischen Mentalität ist die Art der Einwilligung. Während man praktisch in der ganzen Welt (mit Ausnahme einiger weniger Länder) akzeptiert, dass man sich zustimmend mit dem Kopf nickt, dann werden die Bulgaren im Gegenteil durch eine Wendung des Kopfes nach links und nach rechts bestätigen. Verneint wird dagegen mit Nicken des Kopfes.

 

Kultur: Die bulgarischen Bräuche sind weit in der Vergangenheit verwurzelt und eng mit der Geschichte und der christlichen Religion verbunden. Besondere Aufmerksamkeit gilt in Bulgarien den Bräuchen rund um den Kreislauf des Lebens – Geburt, Taufe, Hochzeit und Begräbnis. Auch die Namenstage, besonders der Ivanstag, der Georgstag und der Gedenktag des Heiligen Dimitar, haben einen festen Platz im Volkskalender.

 

Straßenhunde in Bulgarien werden auf offenen Straße erschossen!“

„Bulgarische Straßenhunde haben ein Gewalt geprägtes Leben und ihnen werden die Beine abgehackt.“

Solch grausamen Nachrichten überschatten die Medien.

 

Wir erreichen um ca. 22 Uhr die Rumänisch – Bulgarische Fährgrenze in der Nähe von Silistra: Nach fast 30 Stunden Fahrt quer durch Österreich, Ungarn und Rumänien erreichen wir nun unser Zielland – Bulgarien. In dieser Nacht begrüßten uns noch zwei Straßenhunde, die völlig selbstverständlich und sicher nicht zum ersten mal mit der Fähre zwischen den Ländern reisen. Die beiden holen uns in Rumänien ab und begleiten uns nach Bulgarien.

 

Einem Schakal, der uns schon von Rumänien mit seinem Ruf empfangen hat, begegnen wir noch am Straßenrand unweit der Grenze. Nach nur noch knapp zweistündiger Fahrt erreichen wir unser Camp.  Wir haben uns diesen Schlaf wahrlich verdient, es dauert nicht lange und alle Reisenden liegen in ihren Träumen.

Was erwartet uns die nächsten Tage in Bulgarien, womit werden wir konfrontiert? Dies beantworte ich euch nach einem laaange Schlaf im gemütlichen Bett.

 


Seit Jahren habe ich einen inneren Tagesablauf und der beginnt meist zwischen 6-7 Uhr. Die erste Nacht war angenehm, dennoch bin ich nach nur vier Stunden Schlaf wieder wach. Während die anderen noch schlafen kann ich mir unser Camp und die nähere Umgebung näher anschauen. Wie viele Tage, ob Winter oder Sommer, ob zuhause oder in der Ferne, beginne ich den Tag mit einem morgendlichen Lauf. Ich ziehe meine Laufsachen an und mache mich auf den Weg. Da ich die Gegend noch nicht so gut kenne, laufe ich erst einmal nur die Straße rauf und runter. Die naheliegende Nachbarschaft grüßt mich verhalten – wahrscheinlich wundern sie sich, warum man morgens um 7 Uhr bei dieser Wärme joggt. Warum man so etwas überhaupt macht.... Ich grüße mit den ersten bulgarischen Wörtern, die uns Gerd während der Fahrt schon beigebracht hat: „dobro utro“  (guten Morgen). Die leicht genuschelte Antwort der Einwohner lockert die Situation. Ich laufe die Straße hinab und die ersten freien Hunde kommen mir entgegen, ich muss schon sagen, es ist schon sehr ungewohnt hier, was freilaufende Hunde angeht. Bei uns in Deutschland habe ich bei jedem freilaufenden Hund auch unmittelbar einen Halter in der Nähe, doch hier ist von Menschen außer den Einwohnern nichts zu sehen. Die beiden Hunde, die mir entgegenkommen sind mittelgroße, schwarze und kurzhaarig, Schäferhund-Typ.   Zu meiner Verwunderung kommen sie nicht bedrohlich nahe, sondern schlagen nur kurz Alarm im Abstand von ca. 10m und lassen mich gewähren. Nach ca. 5 km kehre ich um und beobachte, dass die Hunde mich zwar genau beobachten aber keinen Laut von sich geben. 10 km sind geschafft, nun frühstücken und auf die anderen warten, die sich dann auch kurze Zeit später blicken lassen.

 

Heute geht die erste Beobachtungstour nach Warna. Warna (Transliteration auch Varna geschrieben) ist mit seinen knapp 350.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Bulgariens, sie liegt direkt am schwarzen Meer und war einst erste Endstation des berühmt berüchtigten Orient-Express. In Warna angekommen erwartet uns eine kleine, charmante und für Bulgarien recht moderne Kleinstadt, mit viele bekannten Einkaufsmöglichkeiten aus dem Westen. Es dauert nicht lange, da kommen uns auch schon die ersten Straßenhunde entgegen. Ich werde hier nicht jeden einzelnen Hund  beschreiben, das würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen, daher nur einen detaillierten Überblick der Gesamtsituation für euch. Die Innenstadt umfasst einen große Hauptweg, einige Kreuzungen, viele kleinere Grünflächen und einen sehr großen Park mit dem Namen „Meeresgarten“, der eine direkte Verbindung zwischen Innenstadt und der Strandpromenade bildet. Das Leben findet hauptsächlich auf dem großen Hauptweg im Park statt, hier findet man viel Gastronomie, Einkaufsmöglichkeiten, gemütliche Sitzgelegenheiten, bunt angelegte Blumenbeete, sowie eine Freiluftbühne für die Veranstaltungen, Feste und öffentliche Bekanntmachungen, Aussichtspunkt zum schwarzen Meer und vieles mehr. Es herrscht ein reges Leben überall. Zur Zeit unserer Ankunft werden einige Bühnen und Stände aufgebaut, da in kürze ein bekanntes Bierfest und ein traditionelles Tanzfest, auf dem viele internationale traditionelle Tanzvereine ihr können zeigen, stattfinden. Kurzum, wir sind mitten im großen Rummel und können trotz Lärm, trotz Menschenmenge, trotz dieser Unruhe viele Hunde beobachten. Sie liegen vor verschiedenen Läden, vor Lokalen, im Blumenbeet, vor Türen, unter Bäumen, mitten im Park, mitten auf dem Fußgängerweg zwischen den Passanten, am Strand, unter oder auf den Bänken oder laufen entspannt herum. Die Passanten beachten sie oft kaum, herumliegende Hunde werden umgangen, ein paar wenige werden gestreichelt oder es wird vergebens versucht, sie mit Essensresten zu füttern. Kaum eines dieser Tiere nimmt das freundlichst gereichte Fressen und das liegt nicht an den Menschen, oder der Vorsicht zu diesen, der Grund liegt eher daran, dass viele dieser Hunde einfach satt sind. Sie sind erstaunlich gut genährt und man hat das Gefühl, dass sie während ihres Aufenthalts in der Stadt einer Art Arbeit nachgehen (herumliegen und beobachten!), diese sehr ernst nehmen und erst nach „Feierabend“ zu ihren Futterplätzen laufen.

 

Etwas abseits des Trubels entdecken wir nicht nur andere Caniden, sondern auch sehr viele Felidae (Katzen). Sie halten sich aber eher im Rückhalt der Menschenmenge und meiden die großen Gehwege. Um aber auch diesen Teil der freilaufenden Tiere zu beobachten machen wir einen kleinen Schlenker vom Hauptweg weg und widmen uns ein paar Minuten den Katzen. Hier wird mir bewusst, warum so viele bulgarische Katzen auf dem deutschen Markt zu finden sind, denn die Fellfarben sind schon etwas ganz besonderes. Es gibt viele außergewöhnlich hübsche Katzen,  sehr viele Katzenbabys. Viele sind bunt und schön gezeichnet, außerdem gibt es viele weiße Katzen. Sie halten sich meist unter Bäumen oder in Parks auf. Was mir hier auch gleich auffällt:  das Zusammenleben mit anderen Tieren, vor allem den „oft gehassten Hunden“  ist hier sehr harmonisch. Ich sehe kaum Hunde, die Katzen jagen, sie akzeptieren sich, sie leben miteinander und teilen sich sogar oft ihre Nahrung. Auch hier in der Nähe der Katzen finden wir immer wieder Futternäpfe und abgeschnittene Wasserkanister. Auch hier spricht vieles dafür, dass Menschen sich um diese Tiere kümmern und das hier das viel verbreitete Leid kaum Wurzeln trägt. 

Am nächsten Morgen kommt das Murmeltier bei mir wieder und grüßt...

Dieses mal nehme ich die entgegengesetzte Richtung und jogge entlang eines langen, geteerten Feldweges. Rechts und links nur weite Felder, kein einziges Haus: Kaum Menschen, nur recht schnelle Autos, die sehr nah an mir vorbei fahren. Ich komme an einem sehr verlassenem Bushaltehäuschen vorbei, wo ich mich frage, ob hier noch ein Bus lang fährt!? Ich laufe an einem Friedhof vorbei bis ich die ersten Häuser erreiche. Ein älterer Mann kommt mir mit seiner Ziege an der Leine entgegen und legt den Kopf leicht zur Begrüßung zur Seite, nachdem ich auch ihn mit der bulgarischen morgendlichen Floskel begrüße. Nach weiteren 3 km kehre ich um und komme an dem Mann mit der Ziege wieder vorbei, die beide verweilen mittlerweile auf einer Wiese  und genießen ihre Zweisamkeit. Ein Anblick der mich sehr berührt. Wie kann man von diesen Menschen behaupten, sie alle seien Barbaren und foltern ihre Tiere?

 

In den nächsten Tagen besuchen wir die abgelegenen Orte von Varna, die Orte die viele Touristen meiden, wir fahren hinaus aufs Land vorbei an den Roma und Sinti Siedlungen und schlagen dort auch kurz ein. Weit ab der Großstadt, hier herrscht noch der gute alte Bauernmarktstand. Ein einfaches Leben ohne Hektik, ohne Stress, ohne sich groß Gedanken auf Morgen oder Übermorgen zu machen. Hier kommen wir mit einem „Zigeuner“ ins Gespräch. Er präsentiert stolz sein Pferd und aus seinem Haus kommt ein freundlicher Hundewelpe zu uns gestolpert. Während die restliche Gruppe sich mit dem Welpen beschäftigt und mit Mann spricht, scanne ich die Umgebung und beobachte ein recht großen Hund, der zielstrebig über die Wiese zu einem Ruheplatz hinter einem Zaun läuft. Er scheint sehr scheu zu sein, dennoch hält er sich unmittelbar in der Nähe der Menschen auf.

Wir fahren in die Tiefen Bulgariens um noch mehr vom Land und der Wahrheit zu erfahren. 

Es ist Nacht, wir fahren durch die Gegend und schauen nach freilebenden Caniden. In der Tat finden wir einige Hunde, die sich um ein paar Essensreste neben Müllcontainern sammeln.  Wir sehen Hunde, die in der Nähe von Imbissbuden wartend auf eine kleine Geste von einem der Gäste gieren. Wir fahren weiter ins Dunkel, dann sehen wir plötzlich drei Hunde am Straßenrand, die sehr hektisch umher laufen. Wir parken ein paar Meter weiter und nähern uns mit einem sicheren Abstand. Es wird hektischer und das „Rudel“ löst sich auf, zwei laufen bellend zu einem nahegelegenen verlassenem Haus und der dritte Hund läuft durch die Büsche in die selbe Richtung. Irgendetwas stimmt da in dem Haus nicht! Es sieht so aus, als ob die Hunde hier irgendetwas bewachen. Aber was? Wir nähern uns dem Haus, der Alarm der Hunde wird lauter und deutlicher. Schließlich stellen wir fest, dass ein Obdachloser in dem Haus schläft! Nachdem wir uns vergewissert haben, dass es dem Mann gut geht, kommen die Hunde  auch zur Ruhe und lassen sich kurze Zeit später auch von uns anfassen. Was hier passiert,  läuft mir eiskalt den Rücken herunter. Die Hunde haben sich dem Obdachlosen angeschlossen und es sich zur Aufgabe gemacht, ihn zu beschützen. Nicht weil sie mit Gewalt dazu gezwungen werden, nicht weil sie Angst vor dem Obdachlosen haben, nein, weil sie eine Verbindung mit ihm eingegangen sind, sie haben ihre Aufgabe gefunden. Womöglich teilen sie ihr gefundenes Essen zusammen, vermutlich geben sie sich gegenseitig Schutz... Was immer diese Bindung ausmacht: sie funktioniert.

Immer wieder sehen wir liebe Menschen, die sich zu den Hunden setzen, sie streicheln, füttern, versorgen. Wir reden mit den Menschen, wir wollen mehr von den Einheimischen erfahren und mich erschreckt es sehr, wie das Bild dieser Menschen unwissend verbreitet wird... Sie erzählen uns ihre ganz eigenen Geschichte über die freilebenden Tiere in der Stadt und in den Dörfern. Geschichten, die mir Tränen in die Augen treiben. Sie erzählen uns vom missverstanden ausländischen Tierschutz. Erzählen, dass ihre geliebten Vierbeiner einfach weggeschnappt und nie wieder gebracht wurden. Sie erzählen, wie sie sich Wochen, Monate, Jahre tagtäglich um verschiedene Hunde gekümmert haben und dann kamen die ausländischen Tierschutzvereine und holten sie einfach weg. Auch Geschichten über Hunde, die als Gruppen Menschen angefallen haben – aus welcher Motivation auch immer – sie wurden lautstark verjagt und die Sache war erledigt. Die Geschichten beinhalten aber immer einen Satz: „Mich stören die Tiere nicht...“.

 

 

Ich berichte von den tollen Begegnungen mit den Tieren und wie hingebungsvoll sie von den Einheimischen gepflegt werden, doch auch, wenn dieser Teil überragt und wir in der Tat sehr wenig Leid entdecken können, gibt es vereinzelt doch ein paar Situationen, bei denen ich erst mal schlucken muss. Da stehen voll eingebundenen Pferde oder Esel mit Kutsche in der heißen Sonne ohne Wasser, ein paar Hunde, die nur ein Bein haben oder ausgesetzte Tiere. Hierzu möchte ich euch gerne eine beeindruckende und tiefsitzende Geschichte erzählen.

 

 

Wir fahren wieder weit hinaus auf´s Land auf der Suche nach Schakalspuren. Am Parkplatz entdecken wir ein kleinen Wasserbehälter, der schon etwas abgestanden aussieht. Mitten aus einem Berg von alten Autoreifen schaut ein kleiner Kopf hinaus und verschwindet wieder. Vorsichtig nähern wir uns dem Hartgummiberg und wieder guckt der kleine Kopf aus einem der Reifen. Mit kleinen Knopfaugen und aufgestellten Ohren wagt sich der kleine Mann neugierig aus seinem Versteck. Er zeigt keine Scheu gegenüber Menschen, eher sehr vertraut und zuversichtlich. Sein Fell ist leicht verfilzt, er scheint ein kleiner Hütehund zu sein. Wir schauen uns um, vielleicht finden wir noch Geschwister oder Elterntiere. Aber vergebens, keine weitere Spur von anderen Hunden, er ist alleine. Nach über 30 Minuten suchen und warten entscheiden wir uns, ihn erst einmal mitzunehmen, ihn bei einem Arzt vorzustellen und in den nächsten Tagen immer mal wieder her zu kommen, damit wir sicher gehen können, dass wir keinen Hund aus einem gewohnten Umfeld und eventuell einem Sozialverbund entfernen.    

 

 

Mittlerweile wurde der kleine Knopf, dem wir den Namen „Samstag“ gaben, untersucht, wir konnten uns vergewissern, dass es keine Elterntiere gibt und haben für ihn eine liebevolle Hand im naheliegendem Dorf gefunden, wo er jetzt ein sicheres Zuhause gefunden hat.

 


 

Abschied 

Es ist Zeit, Abschied zu nehmen, der letzte Tag bricht an. Am Frühstückstisch sehe ich in die Gesichter der anderen und weiß, wie wehmütig und traurig sie sind... Dieses Land hat uns alle sehr berührt mit allen Facetten, die es zu bieten hat. Die Freiheit der Tiere, das einfache Leben der Menschen, die Natur, die Kultur....das Zusammenspiel aus all diesen Aspekten haben wir so tief in unser Herz geschlossen, dass wir nur sehr ungern dem Weg nach Hause folgen.

 

Einen tiefen Riss ins Herz gibt es an der Grenze zu Rumänien... Wir sind still geworden und erinnern uns an diese unvergesslichen Eindrücke, schauen aus dem Fenster und der Himmel sagt uns auf seiner ganz besonderen Art und Weise „сбогом“ (Auf Wiedersehen).

 

 


 

Fazit dieser Reise

Wir konnten in 10 Tagen einen sehr tiefen Einblick in drei Länder mitnehmen, wir haben in dieser kurzen Zeit erfahren können, wie es den Hunden hier in Freiheit wirklich geht. Ja, es gibt Leid und Elend in einigen Teilen Bulgariens, Rumäniens und Ungarns. Im überwiegenden Teil der Länder aber haben Mensch und Tier eine kulturelle und mentalspezifische Verbindung gefunden. Sie akzeptieren sich gegenseitig als Individuum. Das Tier darf alle Vorzüge eines Tieres genießen und die Nähe des Menschen als Sozialverbund anerkennen.

Leider mussten wir feststellen, dass das hauptsächliche Leid der Tiere unmittelbar durch falsch verstandenem Tierschutz entsteht, weniger durch Einfluss von den Einheimischen.  

Der Großteil der Hunde die wir gesehen haben war wohl ernährt,  gesund und befand sich in einer sozialen Struktur (zu Menschen und anderen Hunden) und hatte seine tägliche Aufgabe. 

Der Tierschutz dort ist wichtig und unverzichtbar, denn vor Ort fehlen finanzielle, materielle und organisatorische Mittel. Es muss geholfen werden, vor Ort, mitten im Geschehen. Ärztliche Untersuchungen und Behandlungen einzelner Tiere, eventuelle Kastrationen und vor allem AUFKLÄRUNG vor Ort aber auch Aufklärung in Deutschland ist unabdingbar. Aufklären, dass wir nicht alle Schreckensnachrichten glauben sollten, dass wir uns nur ein Bild von einem Land machen dürfen, wenn wir es selbst miterlebt haben. Aufklären im Land, wie man ein Tier in seiner Art ohne Leid des Tieres im häuslichen Umfeld halten kann.... 

Es ist nicht nötig, jedes leidende Tier nach Deutschland oder in benachbarte Länder zu transportieren, im Glauben, dass es einem Freigeist, eingesperrt in einer Wohnung besser geht. Hier ist ein Umdenken von Nöten. Wie kann man Tierschutz betreiben der sinnvoll, artgerecht und vor allem tiergerecht ist?!

Geht selber auf die Straßen eures Nachbarlandes, besucht Orte, die abseits der Touristengebiete liegen und macht euch ein Bild vom Geschehen. 

Dank Gerd Schuster und dem Hundezentrum Mittelfranken wurde mir und dem mitreisendem Team vieles verdeutlicht und klar. Gerd hat mit seiner jahrelangen Erfahrung in Bulgarien und dem intensiven Beobachten von vielen hunderten von Hunden und Katzen in diesem Land eine Wissenstür geöffnet, die ich jedem ans Herz lege. Nicht nur sein Fachwissen über Hunde und seine jahrelange Arbeit mit ihnen, sondern auch sein Feingefühl gegenüber den freilebenden Hunden und Katzen, sein Engagement dem Tierschutz gegenüber und seiner Kenntnis über die Länder mit all ihren guten und schlechten Seiten halfen uns, in dieser kurzen Zeit enorm viele Informationen und Erfahrungen zu erfassen.

DANKE GERD für deine unglaublich tolle Unterstützung.

 

 

Ein ganz besonderen Dank gilt dem tollen Team Jana, Denniz und Gerd

und Mike unserem Reiseführer und Dolmetscher